Botticellis Traumfrau

Wer kennt sie nicht, die Geburt der Venus des großen Meisters der Renaissance? Sandro Botticellis aus der Venusmuschel steigende Traumfrau hat sich zur Ikone stilisiert, die fast so bekannt ist wie die Mona Lisa. Wie sehr das vor über 500 Jahren geschaffene Werk Künstler verschiedener Epochen beeinflusst hat, zeigt derzeit die Berliner Gemäldegalerie und anschließend das Victoria & Albert Museum in London. Der Florentiner Sandro Botticelli (1445-1510) wurde so oft kopiert und interpretiert, reproduziert und verfremdet wie kaum ein anderer Maler. Sein Name steht heute auch für Mode und Lifestyle, ohne dass er als Maler je erwähnt wird. Produkte werden nach ihm benannt, Inszenierungen der Populärkultur folgen seinen Mustern, und einzelne seiner Figuren – allen voran die Venus – haben sich in das allgemeine Bildgedächtnis eingeprägt. Doch er war nicht immer berühmt…

Andreas Gurskys Realitäten

Seine Bilder zeigen den Zustand unserer globalisierten Welt, die präzise deren Brennpunkte einfangen. Die großformatigen Kompositionen des Düsseldorfer Fotokünstlers Andreas Gursky, *1955, sind dabei immer auch bildhaft gewordene Zeugnisse seiner über Jahrzehnte fortgesetzten weltweiten Reisen – eine imaginäre Landkarte, die sich hinter den Fotografien verbirgt. Es gibt heute wohl kaum einen Künstler, der derart konsequent seine Reisetätigkeit so anschaulich dokumentiert. Gurskys Betrachtungen verstehen sich als Reflexionen über die äußere und innere Erscheinung der Welt. Jenseits ihrer verführerischen Schönheit und Perfektion, weg von Vergleichen mit der Malerei und von sensations-heischenden Millionen Rekordpreisen auf Auktionen, will der Künstler einen neuen Blick lenken auf den reichen Assoziationsraum seiner am Computer vollendeten Werke. Und die dann im „denkenden Auge“ des Betrachters dazu führen sollen, über den Grund der Bilder zu reflektieren. – Von antiken Stätten über aktuelle Schauplätze gesellschaftlicher und politischer Brennpunkte bis hin zu fiktiv arrangierten Phantasiewelten spannt sich Gurskys Bilderkosmos. Ob international agierende Börsen, das Weltkulturerbe Cheops-Pyramide in Kairo oder Korbflechterinnen im vietnamesischen Nha Trang, ob Müllwüsten in Mexiko, Rennstrecken in der Wüste oder Massenspektakel im nordkoreanischen Pjöngjang: Subversiv schildert der Künstler Machtstrukturen und globale Weltordnungen….

Network Painting

Sie erlebt trotz vieler Voraussagen ihres Untergangs bis heute eine Renaissance: die Malerei. Überraschenderweise fällt dies mit einer Explosion digitaler Technologien zusammen. Doch schon seit den 1960er Jahren hat sich die Malerei in Westeuropa und in den USA mit der zeitgenössischen Massenkultur un den dominierenden medialen Tendenzen auseinandergesetzt und neue Impulse entwickelt. Seit Beginn des TV- und Computer-Zeitalters bis zur Internet-Revolution konnte die Malerei jene Mechanismen integrieren, die zu ihrem angeblichen Ableben führen sollten. In der Ausstellung im Münchner Museum Brandhorst setzt die Bilderflut lange vor der Digitalisierung und dem Internet ein – nämlich mit der Pop Art und dem Neuen Realismus, die sich erstmals neuer kommerzieller Bildsprachen bedienten. Geste und Spektakel werden durch malerische Gestik und diese sich in einer Protestbewegung kommerziellen Bilder und ihren Medien gegenüber realisiert. Dies manifestiert sich beispielsweise in den Schießbildern von Niki de St. Phalle oder den abgerissenen Plakatwänden der französischen Affichisten Mommo Rotella, Jaques Villegle und Raymond Hains bis zin zu malerischen Strategien, die sich die Sprache der Populärkultur aneigneten wie Keith Haring mit seinen „Subway Drawings“.

Filmfestival Kino Asyl

Aus Syrien, Afganistan, Sierra Leone, Mali, dem Senegal und dem Kongo stammen die Organisatoren des Münchner Filmfestival Pro Asyl. Sie leben seit wenigen Monaten oder schon seit mehreren Jahren in der bayerischen Hauptstadt. Viele haben ihre Familien und Freunde zu Hause zurückgelassen, auf der Suche nach einem friedvollen Ort und einer besseren Zukunft – fern von Krieg, Elend und Kummer. Obwohl sie ohne irgendetwas hierhergekommen sind, gibt es etwas, was sie immer mit sich tragen, auch wenn es manchmal nicht sichtbar zu sein scheint: ihre Kultur. Diese Kultur sichtbar zu machen, ist Ziel des Festivals. Gestaltet wurde es von fünfzehn in München lebenden jungen Flüchtlingen, die durch das Schicksal von Flucht und Vertreibung und die Hoffnung auf Asyl in Deutschland miteinander verbunden sind.

Ein normales Leben für Ai Weiwei

Er gehört zu den bekanntesten Künstlern der Gegenwart. Noch bekannter ist Ai Weiwei, 57, als Künstlerdissident, der im Ausland gefeiert, in China angefeindet wurde, nachdem er mit dem Regime in seiner Heimat, auch öffentlich haderte. Die Folgen sind bekannt: persönliche Repressalien, Ausreiseverbote, Haft und Folter. Das alles hat Ai in seinen fotografischen Arbeiten dokumentiert. Das Handeln der Staatsmacht wird Teil seiner Konzeptkunst. Umso überraschender war die Nachricht, dass Ai seinen ihm vier Jahre lang entzogenen Pass im Sommer zurückerhalten hat. Inzwischen hat sich der Künstler in Berlin bei Lebensgefährtin, Sohn und in seinem Atelier im Prenzlauer Berg eingerichtet. Er kann nun in Berlin auch eine Gastprofessur antreten und wird zu seiner ersten in Großbritannien, in der Royal Academy London gezeigten Gesamtschau seiner bisherigen Arbeiten neben neueren Installationen von uralten chinesischen Baumstämmen erwartet. Zuvor konnte er im Sommer in Peking seine erste Ausstellung in China seit 22 Jahren ausrichten. Dafür hatte er ein 400 Jahre altes Haus einer unter Mao verfolgten Familie abgebaut und die Reste der hölzernen Ahnenhalle im Künstlerviertel Pekings neu erstehen lassen. Zur Eröffnung der Ausstellung besuchte der Lyriker Yang Lian gemeinsam mit einer Gruppe deutscher Kunstinteressierter seinen Freund Ai Weiwei. Ein Anlass war auch die Präsentation von Yangs neuem Gedichtband, dessen Cover Ai mit Sonnenblumenkernen gestaltet hatte…

Chinas Kunst an Rhein und Ruhr

Ein großer Ausstellungsreigen führt durch acht Stationen: China 8 ist die bisher weltweit größte museale Bestandsaufnahme zeitgenössischer chinesischer Kunst. Rund 500 Werke von 120 Künstlern zeigen – trotz der Absage von Ai Weiwei – einen Querschnitt durch den schillernden chinesischen Kunstkosmos und deren Markt, der sich mit der Macht arrangiert hat. Der wachsende Wohlstand ist in der Kunstszene angekommen. Als Künstler sei es eine Kunst, so Yue Minun, die Grenzen zu erkennen, was erlaubt ist und was nicht. In China unerwünscht sind offene politische Äußerungen, extreme Gewalt und Pornografie… Manche Bilder enthalten versteckte Botschaften, die im Land selbst von den chinesischen Behörden toleriert oder vielleicht auch gar nicht erkannt werden. Doch diese Ausstellung fand außerhalb Chinas statt, wo andere Gesetze gelten. Dennoch überrascht Wang Qingsongs monumentaler Fotoprint Temple von 2013. Er zeigt einen feisten Buddha, der wie ein allmächtiger Diktator über einer Armee von Betenden thront, die sich nackt vor ihm in den Staub geworfen haben – eine religiös verbrämte Abrechnung mit der Partei…

Liebling der Hochkunst

Eine grandiose Ausstellung im Münchner Museum Brandhorst macht das gesamte Spektrum von Andy Warhols Schaffen sichtbar. Mit über 100 Werken zeigt Warholmania den Popkünstler als Allrounder. In seiner überbordenden Produktivität dringt die Figur Warhol weit über die Malerei, den Film in die unterschiedlichsten künstlerischen und gesellschaftlichen Bereiche vor: Er probierte alles, was sich ihm an Kunst und Design bot. Als Werbegraphiker kreierte er Schuhe, Katzen und Geburtstagskarten; er produzierte Musik und illustrierte Kochbücher sowie Modemagazine, gründete das Lifestylemagazin Interview und etablierte in den späten 1970er Jahren eine eigene TV-Sendung im Geist von Punk und New Wave. Die Entdeckung des Siebdrucks bedeuteten für Warhol zahlreiche Experimente, etwa mit dem aufwendig collagierten Werk Ladies and Gentlemen (1975), die auf von ihm fotografierten Transvestiten basieren. Diesen am Rande der Gesellschaft Stehenden werden mit ihrem abgründigem Rollenspiel und pointierter grotesker Maskerade ihres Daseins bei Warhol zu Ikonen ihrer Zeit… Warhols berühmte gelbe Blumen auf grünem Grund von 1964 finden sich auf dem Titel dieses Heftes wieder…

Entschleunigter Blick

Die international tätige Fotografin Hélène Binet hält seit nunmehr 25 Jahren die Bauten berühmter Architekten mit ihrer Kamera, vorwiegend in Schwarz-weiß, fest. Eine Ausstellung im Bauhaus-Archiv Museum für Gestaltung in Berlin zeigt einige Schlüsselmomente ihrer künstlerischen Laufbahn neben bisher öffentlich noch nie gezeigten jüngeren Arbeiten. Ihre erste museale Einzelausstellung hat sie selbst konzipiert mit Fotos von Bauten der bekannten Architekten John Hejduk, Le Corbusier, Peter Zumthor sowie der Architektin Zaha Hadid. Diese vier wählte Binet aus ihrer gesamten Schaffensperiode für die Hängung aus, denen sie je ein Gegenüber – das eines Architekten oder einer Landschaft – zugesellte. Bevor sie auf den Auslöser drückt, setzt sie sich tagelang vor Ort mit einem Gebäude auseinander. Durch diese Art der Entschleunigung erreicht sie eine intensivierte Wahrnehmung, die in einer immer schnelllebigeren Welt beinahe provokativ wirkt…

Wie subversiv ist Chinas Lyrik?

Die chinesische Dichtkunst verfügt über eine 3000 Jahre alte Lyriktradition. Wie keine andere hat sie in den letzten Jahren Einflüsse aus anderen Sprachen aufgenommen und sich dabei ebenso rasant verändert wie ihr Land. Das 16. Poesiefestival in Berlin fragte nach dem kreativen Potential der zeitgenössischen chinesischen Lyrik, die über ein breites Arsenal subversiven Sprachgebrauchs, mal subtil, mal konfrontativ, mal satirisch, verfügt. LyrikerInnen aus dem Exil und aus China zeigten, wie daraus Gedichte  von erstaunlicher Schlagkraft entstehen. Vier Beispiele finden Sie in diesem Heft, dazu im Vergleich auch die Texte von zwei deutschen DichterInnen…

Das verlorene Paradies Paul Gauguins

„Ich bin ein Wilder, und die Zivilisierten spüren das“, schrieb Paul Gauguin (1848-1903) über sich und über die Kunst: „… nicht das System macht das Genie. Bei aller Beachtung der bisherigen Anstrengungen und Bemühungen, sogar auch der wissenschaftlichen, war es also nötig, an eine vollkommene Befreiung zu denken…“. Er entflieht der europäischen Zivilisation in ferne Länder, um das Ursprüngliche in der Kunst, die er sucht und findet, mit dem Ursprünglichen des Lebens zu verbinden. Eine hochkarätige Schau in Basel zeigt sowohl Gauguins vielseitige Selbstporträts, als auch die visionären und spirituellen Bilder aus seiner Zeit in der Bretagne. Im Vordergrund stehen vor allem seine weltberühmten, auf Tahiti entstandenen Gemälde. In ihnen feiert der Künstler seine Idealvorstellung von einer unversehrten exotischen Welt und verbindet darin Natur und Kultur, Mystik und Erotik, Traum und Wirklichkeit. Kein Künstler hat auf der Suche nach sich selbst und einer neuen Kunst einen weiteren und abenteuerlicheren Weg auf sich genommen als Paul Gauguin….