Kunstbiennale Venedig

Immer dann, wenn bei besonders starker Flut und niedrigem Luftdruck der Wind das Wasser landeinwärts in die Lagune drückt, droht Aqua Alta in Venedig. Wann das Hochwasser kommt, kann mittlerweile gut vorausgesagt werden. Erst bei einem Wasserstand von einem Meter werden Touristen gemahnt, sich mit Gummistiefeln zu wappnen, sinkt der Pegel darunter, genügen blaue Plastiküberschuhe gegen nasse Füße, die am Markusplatz teuer zu haben sind. Als ich im Juli eine Woche lange die Kunstbiennale besuche, regnet es am ersten Tag sintflutartig, und dicht am Canal Grande spritzen Wasserfontänen auf, sobald ein Schnellboot vorbeifuhr. Das Thema Aqua Alta steht auch im Fokus von einigen Künstlern auf der Biennale. Daran gemahnt etwa Giorgio Andreotta Calò im italienischen Pavillon mit seiner düsteren Krypta aus Gerüststangen, die über eine riesige gleißende Wasserfläche führen. Oder wenn der Franzose Michel Blazy im „Pavillon der Erde“, die schleichende Zerstörung Venedigs durch beständig von der Decke  tropfendes Wasser auf einen Stapel Broschüren der Stadt symbolisch demonstriert.  Mit seiner Installation von Turnschuhen, aus denen Pflanzen sprießen, erinnert der Künstler auch daran, dass sich die Natur in einer möglichen Zukunft ohne Menschen ihr geschändetes Territorium zurückholen wird.  Im deutschen Pavillon inszeniert der Shootingstar des globalen Kunstbetriebs, Anne Imhof, ihr furioses, rätselhaftes  fünfstündiges Gesamtkunstwerk Faust,  das der 38jährigen Performerin den Goldenen Löwen bescherte. Ich befinde mich mit den Besuchern des Pavillons als unfreiwillige Mitspielerin in einer Konstruktion von Macht und Ohnmacht, Willkür und Gewalt, Widerstand und Freiheit.  Junge Akteure in lässigen Sportklamotten stellen sich wie Laborratten auf gläsernen Podesten zur Schau, spielen erniedrigte Machtspiele mit einstudierten Gesten. Dumpf verhallt der Schlag der Faust auf der Brust und lässt den Arm mechanisch zurückschnellen. Stumme Schreie zeugen vom Schmerz des zunehmenden Verschwindens des Lebendigen. In der Gruppe formiert, bleibt die ziellose Individualität bestehen. Auch wenn sie gemeinsam singen, singen sie vom Ich. Ähnlich  wie in Goethes Faust will die kapitalistische Gesellschaft etwas erkaufen, das es gar nicht gibt. Die Seele gibt es hier nicht…. 

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